Bernd Strauch | Ergänztes und neu sortiertes Dialektwörterbuch
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Vokalisierung

Eine Vokalisierung des Seitenlautes /l/ wie im Bairischen fand im mittelhess. Großdialekt nicht statt.

Wo der d/r-Wechsel auftritt, kann hier und da auch der Lamdazismus in Orts­dialekten vorkommen. Bekannt ist das von Launsbach und Wissmar nordwest­lich von Gießen. Dort erscheint anstelle des r-Lautes der normale Seitenlaut /l/ beim Auswechseln von /d/ im Zuge des intervokalischen Rhotazismus inmitten oberhess. Wörter: <Brouler> (Bruder), <Bullem> (Boden), <lòele> (laden).

Im alten Dillkreis, wo die Basisdialekte einen stark ausgeprägten mit zurück­gebogener Zungenspitze gesprochenen retroflexen r-Laut entwickelt haben, ist die r-Vokalisierung mit Umwandlung in den Schwa-Laut kaum oder gar nicht vorhanden. Das Wissenbacher Wörter­buch enthält deshalb statt <Päenner> das Wort <Päerner> für "Pfarrer".

Auch im amerikanischen Englisch und in schottisch-irischer Sprechweise fehlt die Vokalisierung des auslautenden /r/, weil dort ein retroflexer r-Laut auftritt.

Die r-Vokalisierung mit Umwandlung in den Schwa-Laut und mit Bildung eines zentrierenden Diphthongs wurde durch die standardisierende Aussprachenorm im britischen Englisch festgeschrieben, aber nur dann, wenn kein Totalausfall des auslautenden /r/ in Frage kommt.

Keinen zentrierenden Diphthong kann der a-Laut bilden. Stattdessen fällt das /r/ aus; es betrifft die neuhess. Wörter <Aweid> (Arbeit), <Gadde> (Garten), <fàn> (fahren), <wà> (war/wahr).

Jene nach kurzem o-Laut feststellbare Tendenz zum Totalausfall von /r/ vor Konsonanz im Oberhessischen erreicht hier und da eine größere Verbreitung: <mon> (morgen), <Woscht> (Wurst), <fot> (fort), <velonn> (verloren).

Nach vokalischer Länge lässt sich eine Vokalisierung des auslautenden /r/ im Niederdeutschen erkennen. Der weithin bekannte Ausdruck <Déen> (Mädchen) besitzt in Hamburger Aussprache einen zentrierenden Langdiphthong als Folge der r-Vokalisierung.

Das Helgoländer Friesisch ist ebenfalls von einer r-Schwäche betroffen. Hinter dem zentrierenden Langdiphthong des Verbs <lée> (lernen) fehlt der Auslaut. Bei der Eigenbezeichnung <Halunne> (Helgoländer) fiel auslautendes /r/ der unbetonten Silbe am Wortende weg.

Die Vokalisierung des auslautenden /r/ am Wortende, wie sie in verschiedenen deutschen Dialekten auftritt, sollte im Zuge neuer Ausgaben von Aussprache­wörterbüchern nicht zum Allgemeingut der genormten Aussprache werden. Es besteht kein Bedarf an Veränderungen, die Wortendungen vereinfachen sollen und dadurch akustische Abweichungen von der deutschen Schriftsprache neu kreieren. Damit gemeint sind nicht nur die unbemerkt eingeführten vokallosen Endsilben, sondern auch die silbischen und unsilbischen a-Laute der Schwund­stufe für ein vokalisiertes /r/, das doch nur in der Umgangssprache erscheint. Im oberhessischen Auslaut vokalisierte [r] vor bestimmten Konsonanten, aber eine Vokalisierung am Wortende fehlt; an dieser Stelle kommt sie jedoch im Neuhessischen nach vokalischer Länge und in der Endung <-er> vor. Bei der regionalen hessischen Aussprache des r-Lautes der deutschen Schriftsprache erfolgt überhaupt keine Vokalisierung, auch wenn statt des stark artikulierten [r] nur ein einfacheres [R] gesprochen wird. Hier stimmt die Sprechweise mit der Rechtschreibung überein.

Vokallose Endungen gehören heute zur gemäßigten Aussprachenorm. Bei einer lautschriftlichen Wiedergabe der ober­deutschen Synkope ist der Schwa-Laut nicht mehr vorhanden und fällt wie im Englischen als Silbenträger unbetonter Endsilben aus. Die Verben "reisen" und "reißen" würden demnach [raizn] bzw. [raisn] in gesprochener Schriftsprache lauten. Diese heute öfters verwendete Interpretation der Aussprache verleitet dazu, die Zweisilbigkeit der Wörter und den lautlichen Unterschied der s-Laute anzuzweifeln (siehe auch Seite 4.66).


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