Bernd Strauch | Ergänztes und neu sortiertes Dialektwörterbuch
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Neuhessisch in Gießen

Im 19. Jahrhundert war die Trennung zwischen dem Oberhessischen und der Gießener Stadtsprache nicht immer so eindeutig wie in späteren Zeiten. Alt­eingesessene Bewohner der Innenstadt verstanden aufgrund ihrer beruflichen Kontakte zu Menschen des Umlandes auch deren Basisdialekte. Erzeugnisse der Landwirtschaft wurden vermarktet; an der Lahn befanden sich Viehmärkte. Die Funktion als Provinzhauptstadt mit hess. Landesuniversität führte zu einer stärkeren Zuwanderung, nicht nur aus dem Umland. Deshalb fällt es schwer, verschiedenartige Mundarttexte dieser Zeit einem homogenen bodenständigen Dialekt in der Gießener Kernstadt zu­zuordnen (siehe auch Seite 5.73).

Das um 1900 aufgekommene Gießener Rotwelsch "Manisch" betraf am Anfang eine soziale Randgruppe, deren innere Zusammensetzung sich im Laufe der Zeit veränderte. Der auch als Geheim­sprache verwendete Soziolekt entstand wie alle derartigen Sondersprachen aus umgestalteten Wörtern des Jiddischen sowie der Roma-Sprache. Satzbau und Wortbildung richten sich nach Mustern der sprachlichen Umgebung.

Durch den gemeinsamen Schulbesuch fanden "manische" Wörter ihren Weg in die Kernstadt Gießens; Schulkinder der Zwischenkriegszeit machten sich einen Spaß daraus, mit Hilfe weniger Wörter dieser Sprachform den neuhessischen städtischen Dialekt so zu verschleiern, dass ein Außenstehender nichts mehr verstehen konnte.

Den vorhandenen Gießener Wortschatz des "Manischen" erfasste Hans-Günter Lerch in seiner Dissertation von 1973 und beschrieb die Umstände beim Auf­kommen dieser Sondersprache.

<Màne> bezeichnet im Oberhessischen der Wetterau den geflochtenen weiten Korb. Das Wort geht auf niederländisch <mand> zurück, wie es das Oberhess. Wörterbuch von 1897-99 darstellt. Vor Ort heißt das feminine Wort <Mòn> in­folge der Verdumpfung des a-Lautes.

"Schlambeiser" und "Eisje" galten eine Zeitlang als Schimpfwörter, mit denen oberhess. Zuwanderer bei Gelegenheit die Alteingesessenen bezeichneten. In der Kernstadt waren aber die meisten Einwohner keine "Schlammbeißer".

Der Ausdruck "Kolter" kommt in Gießen vor, wird jedoch im Neuhessischen nur für die einfache Wolldecke in schlichten Farben verwendet. Zitiert man Grimms Wörterbuch, gelangte dieses Lehnwort schon früh ins Deutsche.

Im Dialekt spiegelt der hess. Ortsname für Gießen den regional anzutreffenden Lautstand des gleichlautenden gemein­germanischen Verbs wider. Hinsichtlich des Wortanlautes und betonten Vokals geht dieses Wort auf indogermanische Wurzeln zurück. Der isländische Begriff <geysir> für vulkanische Springquellen hat einen ähnlichen Ursprung. Namen: neuhess. <Gíse>, oberhess. <Gäise>, niederhess. <Gisse>.

Gießener Vororte, in denen ländliches Oberhessisch als Basisdialekt auftritt, sind Wieseck, Rödgen, Allendorf/Lahn, Kleinlinden und Lützellinden.

Wieseck und Klein-Linden wurden 1939 nach Gießen eingemeindet, Allendorf und Rödgen folgten 1971. Lützellinden blieb nach Wiederauflösung der Stadt Lahn 1979 bei Gießen.


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