Bernd Strauch | Ergänztes und neu sortiertes Dialektwörterbuch
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Konsonantenschwächung

Im Niederdeutschen verfügen weiche Verschlusslaute über einen Stimmton, jedoch nicht auslautend am Wortende. Niemand verlangt eine Anwendung der Auslautverhärtung im weit verbreiteten Musterwort <Tíd> (Zeit). Beim /d/ im absoluten Auslaut handelt es sich dem­zufolge um einen stimmlosen weichen Zwischenlaut. Harte und weiche Plosive können miteinander konkurrieren. Am Nordrand des Niederdeutschen dürfte Stimmlosigkeit vorherrschen, weil dort das Süderjütische beginnt.

Vom Ausfall des Konsonanten /d/ nach bestehen gebliebenem [n] hinter Kurz­vokal betroffen sind neben den hess. Dialekten das Niederdeutsche und die nordgermanischen Sprachen. Beispiel­haft im Isländischen: <annar> (ander), <finna> (finden). Akustisch ähneln die oberhess. Form <Konne> (Kunde) und mehrere der aufgeführten Wörter dem Dänischen, was nicht aus der dortigen Orthografie hervorgeht. Beim a-Laut im oberhess. Wort <Hànel> (Handel) kam es durch die Nasalierung zur Dehnung, während das betonte halboffene /e/ im Plural <Hennel> (Händel) kurz blieb.

Der oberhessische unbetonte Einsilber <se> (zu) entstammt dem Mittelhoch­deutschen. Allerdings verschwand der Verschlusslaut als 1. Teil der Affrikata /ts/, die sich dadurch auflöste. Davon betroffen sind die Infinitiv­konjunktion <se> und Adverbien wie <sesomme> (zusammen) oder <sereck> (zurück).

Eine Besonderheit der Gießener Stadt­sprache stellt der Ausfall des 1. Lautes der Affrikata /ts/ nach Konsonanz dar, was vor allem bei Zweisilbern auffällt: <Bënsín> (Benzin), <Bolse> (Bolzen), <danse> (tanzen), <walse> (walzen). Der s-Laut ist stimmlos, auch wenn er im Anlaut der 2. Silbe steht.

Für eine Modifizierung der gemäßigten deutschen Aussprachenorm bieten sich die tatsächlichen Lautwerte der Plosive des Niederdeutschen an. Verhärtungen aus mittelhochdeutscher Zeit, die über den Lautstand der genormten Schrift­sprache hinausgehen, gibt es am Süd­rand des deutschen Sprachgebietes.

Soll die Affrikata /ts/ nach einem Vokal der Kürze im Wortinnern intervokalisch die Funktion des Silbengelenkes wahr­nehmen, befindet sich die gesprochene Silbengrenze einheitlich im Verschluss­laut an 1. Stelle. Die allgemein übliche Festlegung zwischen beiden Lauten ist nicht stichhaltig, weil dabei der Status der Lautverbindung aufgegeben wird. Bei der italienischen Langversion /tts/ besteht der Verschlusslaut an 1. Stelle aus einem Langkonsonanten, was auch der Begriff <Pizza> /pittsa/ im Original aufzeigt. Deswegen erscheint es nahe­liegend, die zum Silbengelenk gehörige Silbengrenze im 1. Laut der deutschen Affrikata <tz> [ts] festzulegen.

Die gesprochenen s-Laute [s] und [z] kommen laut Aussprachenorm in der deutschen Schriftsprache vor, was aus der Rechtschreibung nicht hervorgeht. Lediglich das deutsche Schriftzeichen ß trennt intervokalisch beide Reibelaute hinter Doppel- oder langem Einzellaut: "niesen - genießen", "reisen - reißen". Das ist die einzige Position der Schrift­sprache, in welcher der weiche s-Laut mit dem harten konkurrieren kann; an­sonsten nimmt das nur anlautend vor Vokal erscheinende weiche stimmhafte [z] im Verhältnis zu dem auslautend und nach vokalischer Kürze inlautend zwischen Vokalen auftretenden harten stimmlosen [s] bloß die Funktion einer stellungsbedingten Variante wahr.

Diese Definition hochdeutscher s-Laute gilt auch für die Flexion der erwähnten Wortbeispiele in der 3. Person Singular: "niest - genießt", "reist - reißt". Dabei wird die durch das Wortstammprinzip festgelegte Schreibweise der 4 Verben zur Homonymschreibung, weil im Aus­laut immer ein [s] zu sprechen ist.

Der aktuelle Lautstand der deutschen Sprachwirklichkeit sieht jedoch anders aus, da bei den s-Lauten deutschland­weit eine Tendenz zur Vereinfachung besteht. Neben dem weithin hörbaren Verlust des Stimmtones in Hessen ver­schwand der weiche s-Laut nördlich der Linie Marburg - Fulda. Im ostfälischen Niederdeutsch setzt sich dies fort, wie es Laienschreibungen aus dem Umland von Göttingen aufzeigen; Dialektwörter können dort mit dem Schriftzeichen ß beginnen, um die Unterscheidung von Niederdeutsch und Hochdeutsch beim Sprechen des s-Lautes zu markieren.


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